Geschäftsstelle Nachbarschaftshilfe
und soziale Dienstleistungen

im Programm

Zuhause im Alter

Workshop III: Wohnen und Pflege älterer Menschen in Stadt und Land: Wie gelingt die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und ehrenamtlich Engagierten?

Termin: 07.05.2014

Ort: Tagungszentrum Neue Mälzerei, Berlin

Dokumentation

Welche zukunftsweisenden Modelle gibt es im Programm und außerhalb des Programms? Was funktioniert besonders gut? Wo sind die Möglichkeiten und die Grenzen ehrenamtlicher Hilfen? Wie können Aufgaben und Verantwortung zwischen den Akteuren gut verteilt werden?

Unter diesen Leitfragen kamen 17 Mitwirkende aus 14 Projekten Anfang Mai zum dritten Workshop in 2014 nach Berlin, um im gegenseitigen Austausch neue Ideen und Anregungen zur Gestaltung des Wohnens älterer Menschen auch bei Pflegebedarf zu erhalten.

Der Workshop fand im Rahmen der fachlichen Begleitung des Programms Nachbarschaftshilfe und soziale Dienstleistungen durch die Programmgeschäftsstelle der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V. in Kooperation mit dem FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V. statt.

Teilnehmende Projekte

  • Krankenhausbesuche zur optimalen Anpassung der anschließenden Versorgung, AWO soziale Dienste gGmbH, Bremen
  • Nachbarschaftswerkstatt, Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V., Bonn
  • Musterwohnung nicht nur für Menschen mit Demenz zur Qualifizierung ehrenamtlicher Wohnraumberaterinnen und -berater, Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein e.V., Norderstedt
  • GeroMobil, Volkssolidarität Kreisverband Uecker-Randow e.V., Torgelow
  • Katharinenmobil, Katharinenverein e.V., Spangenberg
  • KompAS - Kommunen organisieren mit PC-Unterstützung Alles für ihre Senioren, Lernende Region Schwandorf e.V., Maxhütte-Haidhof
  • WechselWeise - Nachbarn helfen Nachbarn, Klub 74 e.V., Berlin
  • Selbstbestimmtes Leben auf dem Land, Bürgerinitiative Stendal e.V., Stendal
  • Lebens(t)raum inklusive - Wohnen mit Studierenden, Stiftung Schlesisches Konvikt, Halle (Saale)
  • Miteinander in Arnstadt-Ost, Gemeinsam statt einsam e.V., Arnstadt
  • Interkulturelles Seniorenunterstützungsnetzwerk, Kiezspinne FAS e.V., Berlin
  • SeniorenReich, Stadtteilnetzwerk nördliche Innenstadt Kiel e.V., Kiel
  • Ausbau des Seniorennetzwerks Schwäbisch Gmünd für ein betreutes Wohnen zu Hause, Stadtverwaltung, Schwäbisch Gmünd
  • Seniorenwohngruppe Külz, Ortsgemeinde, Külz

Moderation:
Ursula Woltering, Leiterin Fachbereich Jugend und Soziales der Stadt Ahlen

Programm Workshop
Einladungsflyer

Fotos: BaS e.V.


Einführungsvortrag

Alt werden in vertrauter Umgebung.
Ein Dorf übernimmt den Generationenvertrag

Gerhard Kiechle, Bürgermeister a.D. Eichstetten

„Nichts ist ansteckender als ein gutes Beispiel“ - nach dieser Devise berichtete Gerhard Kiechle, 1981 bis 2005 Bürgermeister der Gemeinde Eichstetten am Kaiserstuhl, aus der Praxis seiner Kommune. Auch im Ruhestand ist er unermüdlich unterwegs, um bei Fachkräften und Entscheidungsträgern die Bürgergemeinschaft Eichstetten vorzustellen. Seine Erfahrung: Der demografische Wandel ist vor allem in den Dörfern spürbar.

Eichstetten ist eine Gemeinde mit ca. 3400 Einwohnern im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald in Baden-Württemberg. Die Kommune betreibt seit den 1990er Jahren eine intensive Förderung Bürgerschaftlichen Engagements und einen lokalen Agenda 21-Prozess. In vielen Gesprächsrunden, Workshops und Diskussionen mit den Bürgerinnen und Bürgern der Gemeinde wurde ein ganzheitliches Konzept entwickelt, das den Generationenvertrag im eigenen Dorf verwirklicht.

Kiechle stellte die „Philosophie“ dieses Generationenvertrages vor. Sie laute: Ältere Menschen sollen in der Mitte der Gesellschaft leben können. Dies erfordere ein Umdenken aller Beteiligten: „Die Gesellschaft muss sich wandeln von der Versorgungs- zur Mitwirkungsgesellschaft“.

 

Der Grundgedanke in Eichstetten sei: Sich umeinander kümmern bedeutet nicht nur, Nachbarn mit Betreuung oder Versorgung zu helfen, sondern, wenn es notwendig ist, auch zu pflegen.

Schon 1998 gründete sich die Bürgergemeinschaft Eichstetten e.V.. Ziel der Bürgergemeinschaft ist es, die vielfältigen sozialen Aufgaben und Herausforderungen im Dorf anzunehmen und Strukturen zur Unterstützung hilfebedürftiger Bürgerinnen und Bürger aufzubauen.

Kiechle berichtete von den Anfangsschwierigkeiten in Eichstetten: In der Verwaltung gab es Vorbehalte, die Banken hatten Bedenken, das Projekt zu unterstützen. Die Pflegeversicherung sieht den Fall, dass Freiwillige Pflege leisten, gar nicht vor, obwohl in Deutschland rund 2/3 aller Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen ohne fachliche Ausbildung zu Hause versorgt werden. Warum also sollte es bei Nachbarn nicht möglich sein? In Eichstetten übernehmen die Nachbarn auch die Grundpflege, die Leistungen können allerdings nicht mit der Pflegekasse abgerechnet werden.

Kiechle betonte, dass die Gemeinde Wert auf eine gute Zusammenarbeit mit Pflegediensten lege und diese auch inzwischen sehr gut funktioniere. Voraussetzung sei eine klare Definition, welche Aufgaben von Fachkräften, bezahlten Helfern/Freiwilligen und welche von Ehrenamtlichen geleistet werden könnten. In Eichstetten seien diese Tätigkeiten klar beschrieben – alles, was nach Dienstplan läuft, wird bezahlt. „Es muss ja auch an Heiligabend funktionieren“, so Kiechle.

Das Dorf Eichstetten hat die Vision vom Generationenvertrag verwirklicht. Dabei haben die Bürgerinnen und Bürger den Hut auf: Rund die Hälfte aller Einwohnerinnen und Einwohner ist Mitglied im Verein, fast ein Drittel engagiert sich nach Aussagen von Kiechle in der Bürgergemeinschaft.

Das Ziel, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner im Dorf bleiben können, wird durch ein breit gefächertes Wohn- und Versorgungsangebot erreicht, das das vom betreuten Wohnen zuhause oder in barrierefreien Wohnungen über eine Tagesbetreuungsgruppe und eine ambulante Pflegewohngruppe bis hin zu einem integrativen Tagescafé reicht und von einem hohen Bürgerengagement getragen wird. „Beteiligung erzeugt Verantwortung“ resümiert Kiechle den beschrittenen Weg.

Kiechle forderte, auch andernorts müssten sich die Kommunen der Themen im demografischen Wandel annehmen und Lösungen für die notwendige Versorgung älterer Menschen vor Ort finden. „Es macht sonst niemand! Die Kommunen können den Kopf nicht mehr aus der Schlinge ziehen“, ist sich Kiechle sicher. Die kommunale Daseinsvorsorge sei im Grundgesetz festgeschrieben. Daraus lasse sich die Notwendigkeit einer sorgenden Gemeinschaft, der „Caring Community“, ableiten.

Präsentation

Weitere Informationen: www.buergergemeinschaft-eichstetten.de


Erfahrungen aus den Modellprojekten

Wie sich Fachkräfte und Ehrenamtliche in der Organisation tragfähiger nachbarschaftlicher Netzwerke sinnvoll ergänzen können, wurde anschließend auch durch die Vorstellung von vier Projekten deutlich, die im Programm Nachbarschaftshilfe und soziale Dienstleistungen gefördert werden. In zwei Themenblöcken stellten sie ihre Ansätze und Erfahrungen mit dem Hilfe-Mix aus professionellen sowie freiwilligen unentgeltlichen oder bezahlten Unterstützungsleistungen bei der Betreuung und Versorgung zuhause oder in neuen Wohn- und Pflegeformen zur Diskussion.


Themenblock I: Wohnen bleiben zu Hause im Zusammenspiel von Familie, Nachbarschaft, Engagierten und professionellen Diensten


Miteinander in Arnstadt-Ost

Ulrike Jurrack, StadtStrategen - Bürogemeinschaft für integrative Stadtentwicklung, Weimar

Die Architektin Ulrike Jurrack von den StadtStrategen in Weimar stellte das Projekt „Miteinander in Arnstadt-Ost“ vor. Sie begleitet den Projektträger „Gemeinsam statt einsam. Generationswohnen in Arnstadt-Ost e.V.“ im Aufbau von Nachbarschaftshilfen und eines Helferkreises für Menschen mit Demenz.

In dem gemeinschaftlich orientierten Wohnprojekt des Vereins mit behindertengerechten Wohnungen und Gemeinschaftsflächen entstanden viele Begegnungen zwischen Jung und Alt, die Nachbarschaft wurde gefördert und belebt. Da diese „unorganisierte" Nachbarschaftshilfe nur mit entsprechender emotionaler Bindung funktioniere, wurde im geförderten Projekt darüber hinaus eine organisierte Nachbarschaftshilfe aufgebaut.

Das Konzept: die „Nachbarschaftshilfe Arnstadt-Ost“ ist ehrenamtlich, kostenfrei und bietet zeitlich überschaubare Hilfen an, jedoch keine Pflege und keine haushaltsnahen Dienstleistungen. Ergänzende Leistungen nach § 45 SGB XI bietet ein „Helferkreis“ von qualifizierten ehrenamtlichen Helfer/innen an. Eine hauptamtliche Anlaufstelle im Wohnprojekt koordiniert Anfragen und Hilfen.

Die Angebote der Nachbarschaftshilfe Arnstadt-Ost tragen konkret dazu bei, dass die Bewohnerinnen und Bewohner zu Hause alt werden können. Sie entlasten Angehörige, wenn die Familie nicht vor Ort sein kann, mindern Isolation und Vereinsamung und bieten soziale Kontakte und persönliche Begegnung, so dass auch Ältere mit Hilfebedarf am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. „Nachbarschaftshilfe ist kein Allheilmittel, kann aber dazu beitragen, bestimmte Lücken zu schließen“, resümierte Jurrack und kritisierte, dass der Landkreis keinen Plan und kein Konzept habe: „Die ahnen zwar, dass viele alte Menschen da leben, aber es passiert nichts!“

Präsentation


Selbstbestimmtes Leben auf dem Land

Marion K. Zosel-Mohr, Bürgerinitiative Stendal e.V.

Der Besuch bei einer Bekannten im Pflegeheim war Auslöser für das ehrenamtliche Engagement von Marion Zosel-Mohr. Das Bild der vielen alten Menschen, die teilnahmslos und zusammengesunken in den Fluren saßen, bedrückte sie. „Bloß nicht ins Pflegeheim!“, dachte sie und beschloss etwas dafür zu tun, damit Menschen in Stendal daheim bleiben können statt ins Heim ziehen zu müssen.

Der Bürgermeister der Stadt habe sich für dieses Anliegen nicht verantwortlich gefühlt, berichtete sie. Seine Reaktion: „Ich kann mich doch nicht auch noch darum kümmern!“ Auch angesichts der Entwicklung, dass in Stendal wie in vielen Orten im Osten Deutschlands die jungen Menschen wegziehen, realisierte sie: Diejenigen, die bleiben, müssen selbst etwas unternehmen.

Gemeinsam mit anderen Mitstreiterinnen und Mitstreitern gründete sie 2004 die Bürgerinitiative Stendal (BIS) e.V., aus der inzwischen ein Verein mit mehr als 300 Mitgliedern geworden ist. Die BIS bietet ehrenamtliche Hilfe für ältere und behinderte Menschen in ihrem Zuhause an, organisiert monatliche Veranstaltungen für Jung und Alt im „Generationencafé“ und betreibt eine Tagesstätte für Demenzkranke und Schlaganfallpatienten.

Die BIS kooperiert dabei mit örtlichen Pflegediensten, Wohlfahrtsverbänden und der Universität Magdeburg-Stendal. Neuestes Vorhaben ist das Projekt „Leben mit Familienanschluss“, in dem Gastfamilien gewonnen werden sollen, ältere Mitbürger aus dem Landkreis bei sich aufzunehmen und mit Unterstützung von professionellen Diensten zu betreuen – ganz nach dem Motto der BIS „Soviel Profis wie nötig – soviel Bürger wie möglich!“

Präsentation


Seniorenwohngruppe in Külz

Bürgermeister Aloys Schneider

Bürgermeister Aloys Schneider kennt die rund 500 Einwohnerinnen und Einwohner seines Dorfes im Hunsrück alle persönlich. Mit der Anerkennung von Külz als Schwerpunktgemeinde für Dorferneuerung in Rheinland-Pfalz begann in 2006 ein intensiver Entwicklungsprozess in Richtung solidarische Dorfgemeinschaft. „Niemand soll aufgrund seines Alters aus Külz wegziehen müssen“, so formulierte Aloys Schneider das Ziel der frühzeitigen Beschäftigung mit dem demografischen Wandel.

Einem lokalen Arbeitskreis folgte 2008 die Gründung der Dorfgemeinschaft Külz e.V. durch 71 Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes. Diese eröffnete kurz darauf ein regelmäßig besetztes Bürgerbüro. Es ist Anlaufstelle für Senioren, Familien und Alleinerziehende in Notfällen, vermittelt ehrenamtliche Hilfe im Garten oder im Haushalt, bei den Hausaufgaben oder bei Problemen mit dem Computer und organisiert gemeinsame Freizeitaktivitäten. Heute hat der Bürgerverein rund 130 Mitglieder.

Bürgermeister Schneider ruhte nicht und sorgte dafür, dass die vielen Bausteine der solidarischen Dorfgemeinschaft die notwendigen Fördergelder bekamen. So wurde der Betrieb und die Einrichtung des Bürgerbüros vom Land Rheinland-Pfalz gefördert. Ein Bürgerbus, der 2010 zusammen mit der Nachbargemeinde ehrenamtlich betrieben wird, wurde durch das europäische Leaderkonzept zur Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum finanziert. 2010 wurde mit Unterstützung des Landes auch die virtuelle Seniorenwohngemeinschaft „Die Gässer“ gegründet.

Auf der Plattform www.vwg-kuelz.de haben sich derzeit 11 Bewohnerinnen und Bewohner des Ortsteils Gass zusammengeschlossen. Sie tauschen sich über dieses Medium aus und unterstützen sich mit kleinen Hilfen im Alltag gegenseitig. Die entwickelte Plattform kann mit einer erschwinglichen Änderung der Oberfläche von anderen interessierten Dorf- oder Quartiersgemeinschaften übernommen werden.

Jüngstes Projekt ist die im Programm „Nachbarschaftshilfe und soziale Dienstleistungen“ sowie durch das Leader-Programm geförderte Einrichtung einer Seniorenwohngruppe im Dorf. War bisher durch Wegzug aus dem Dorf die sofortige Isolation die zwangsläufige Folge, stehen durch Umbau eines leerstehenden Bestandshauses den Bewohnerinnen und Bewohner im Dorf nun fünf barrierefreie Appartments im Dorfkern zur Verfügung. Betreuung und ambulante Pflege werden durch einen Pflegedienstanbieter geleistet. Weitere Angebote wie Mittagstisch, Kurzzeitpflege oder ambulante Pflege stehen auch den älteren Menschen zur Verfügung, die im Dorf zuhause wohnen. Betrieben wird die Wohngemeinschaft durch die Dorfgemeinschaft Külz e.V.


Lebens(t)raum inklusive
Schlesisches Konvikt Halle


Martin Gröger, Schlesisches Konvikt Halle
Maik Sturde, Lebens(t)raum e.V.

Studierende der Theologie und Kirchenmusik, sieben Frauen und Männer mit Mehrfachbehinderung und eine Familie mit Kleinkind: eine ungewöhnliche Mischung. Im „Schlesischen Konvikt“ in Halle leben diese Menschen zusammen. „Lebens(t)raum inklusive“ heißt das Projekt, das im Programm Nachbarschaftshilfe und soziale Dienstleistungen gefördert wird.

Vom praktischen Nutzen der Nachbarschaftshilfe sei bereits häufig die Rede gewesen, konstatierte Martin Gröger, Hausleiter des Wohnprojektes. Doch darüber hinaus seien „Sinn und Glück“ für Menschen lebenswichtig. Dies sei im Wohnprojekt „Lebens(t)raum inklusive“ im doppelten Sinne verwirklicht.

Behinderte Menschen könnten dort so selbständig leben wie sonst nirgends in der Stadt. In der Begegnung mit den meist nicht-behinderten Studierenden erführen sie darüber hinaus Bereicherung und Freude – ebenso wie umgekehrt. Mittendrin in dieser ungewöhnlichen Wohngemeinschaft lebe er selbst mit seiner jungen Familie und fühle sich sehr wohl.

„Wir leben Inklusion – wir gestalten Zukunft“, brachte Maik Sturde vom Verein „Lebens(t)raum“ das Ziel des Projekts auf den Punkt. Die überwiegend schwerstbehinderten Menschen arbeiten zum Teil in Werkstätten oder werden ambulant unterstützt, rund um die Uhr sind professionelle Pflegekräfte im Haus. Durch das Zusammenleben mit Nichtbehinderten ergeben sich alltägliche, nachbarschaftliche Begegnungen im Garten oder an der hauseigenen Bar, beim Fußball Gucken oder Feste Feiern, bis hin zu gegenseitigen Besuchen und einzelnen Paten- oder Partnerschaften.


Mittagspause

In der Mittagspause war Gelegenheit, konkreten Einblick in ein weiteres Modellprojekt aus dem Programm zu bekommen. Vor den Türen des Tagungszentrums konnte das „Geromobil“ besichtigt werden, mit dem Projektleiterin Monika Clasen eigens aus Torgelow angereist war. Sie ist mit dem wohnmobilartigen Kleinbus auf regelmäßigen Routen im Altkreis Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs und macht dort an zentralen Plätzen der Orte (Gemeindehaus, Feuerwehr, Märkte) halt. Der mobile gerontopsychiatrische Beratungs- und Diagnosestützpunkt bietet an Ort und Stelle kostenlose und wohnortnahe Beratung, vermittelt Hilfe- und Pflegeleistungen in der Region und bietet Angehörigen Hilfestellung im Umgang mit Menschen mit Demenz.


World Cafés

Unter Einbeziehung der Erfahrungen aus weiteren Projekten vertieften und diskutierten alle Teilnehmenden die Themenstellung des Workshops in zwei parallelen World Cafés.

World-Café 1: Wohnen bleiben zu Hause – so geht`s!

Moderation: Ursula Woltering

Die meisten Menschen möchten im Alter auch bei Pflegebedarf zu Hause wohnen bleiben. Wie das möglich ist, welche Bedürfnisse zu berücksichtigen sind und welche Aufgaben den unterschiedlichen Akteuren zukommen, diskutierten die Teilnehmenden in World Café 1. An drei Tischen, deren Besetzung in 3 aufeinanderfolgenden Runden bis auf einen „Gastgeber“ wechselte, wurden aus den Erfahrungen der Projekte in kurzer Zeit ganz unterschiedliche Antworten auf diese und weitere Fragen zusammengetragen.


Tisch 1

1. Was heißt „Zuhause Wohnen“?

  • privater sicherer Raum, Rückzugsort, Geborgenheit
  • Unabhängigkeit/Selbstständigkeit
  • selber gestalten
  • sich mit persönlichen Dingen umgeben – Identifikation
  • gewohntes Wohnumfeld
  • emotionale Bezüge
  • Personen, die hier wichtig sind
  • Zeit und Lebensqualität
  • Erinnerung an vorheriges Zuhause, Elternhaus – Wurzeln, Heimat

2. Was brauchen die Menschen für ein Wohnen Zuhause im Alter?

A) „Software“: emotionale, zwischenmenschliche Bezüge

  • andere Menschen, gute Nachbarschaft, vertraute Personen
  • raus kommen, Teilhabe
  • Gefühl, nicht allein zu sein
  • Angebote, unter Leute zu kommen

Angesprochen wurde auch, dass es vielen Menschen schwer fällt, andere um Hilfe zu bitten und damit eine „Schwäche“ zuzugeben. Festgestellt wurde, dass es hier Unterschiede zwischen Dorf und Land gibt und dass dies auch „Typsache“, also von Mensch zu Mensch unterschiedlich sei.

B) „Hardware“:

  • Infrastruktur, Dienstleistungen, ärztliche Versorgung
  • Individueller Hilfe-Mix
  • Barrierefreie, -arme Wohnung und Wohnumfeld
  • Fahrdienste

Eine Empfehlung lautete, einmal zu definieren, welche Gegebenheiten als Idealzustand beschrieben werden könnten und was als absolutes Muss, also als Mindestmaß an Unterstützung und Versorgung gelten müsse. Nachbarschaftshilfe könne unter Berücksichtigung von Grenzen einen wichtigen Beitrag leisten, um Versorgungsstrukturen sinnvoll zu ergänzen.

3. Welche Aufgaben kann Familie, Ehrenamt und /oder der Fachdienst erbringen?

  • Aufgabe der Fachdienste: Familien im Rahmen des Möglichen in die Pflicht nehmen
  • Wichtig: Kommunikation zwischen Familien und Fachdiensten
  • Ehrenamt soll Familie unterstützen, z.B. in der Entlastung pflegender Angehöriger, Spaziergänge o.ä.
  • Ehrenamt als Scharnier zwischen Familie, Nachbarn, Fachdienst

Gewarnt wurde hier vor einer Überforderung des Ehrenamts. Als wichtige vorbeugende Maßnahmen wurden professionelle Begleitung, Supervision, Abgrenzung und zeitliche Begrenzung des Ehrenamts genannt. Hervorgehoben wurde, dass ehrenamtliche Tätigkeit gute Möglichkeiten biete sich zu vernetzen und soziale Kontakte zu knüpfen und insofern eine wichtige Rolle für die Eigenvorsorge spiele.

4. Was bedeutet Partizipation der Betroffenen?

  • „echte Partizipation“: selbst bestimmen statt beteiligen
  • Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen
  • Einbeziehung der Betroffenen von Anfang an
  • auf Augenhöhe sein - zuhören
  • Respekt vor anderen Vorstellungen und Normen
  • Offen sein für Anpassungen
  • Teilhabe ermöglichen: Kultur, Kino, Einkauf (Beispiel guter Praxis: „Kulturpaten für Menschen mit Demenz“ in Kiel und Neumünster)

Kritisch werteten die Teilnehmenden, dass Partizipation oft an finanziellen Engpässen scheitert, die z.B. keine Auslagenerstattung zulassen. Empfohlen wurde, für gute Projekte Möglichkeiten einer Regelfinanzierung zu schaffen.
Zudem müsse grundsätzlich auch nach der Partizipation der Ehrenamtlichen gefragt werden.


Tisch 2

1. Die Modelle, die uns am Vormittag vorgestellt wurden, zeigten eindrucksvoll, wie Menschen mit Hilfebedarf zu Hause alt werden können. Sind diese Beispiele übertragbar?

  • die Methodik/Strukturen müssen an Menschen und Bedingungen vor Ort angepasst werden
  • Internetplattform für virtuelle WG ist einfach zu übertragen
  • einfache Rechtsform der Initiativen ist überzeugend und ermutigt zur Übernahme
  • man muss nicht das Rad immer wieder neu erfinden
  • Initiativen dürfen nicht zu stark von einzelnen Menschen/Gründern abhängig sein, damit sie Personalwechsel überstehen können
  • manches gedeiht in kleineren Gemeinden besser als in der Stadt (Anonymität)
  • Es wird immer Menschen geben, die vordenken und andere begeistern können

2. Was muss vor Ort geschehen, um den Boden zu bereiten + Akteur/innen zu gewinnen + zu vernetzen?

  • echtes Wahlrecht für Pflegedienst sichern
  • Nachbarschaftshilfeangebot
  • Unterstützungsteams
  • Motoren, Kümmerer, Initiatoren (PIONIERE)
  • Unterstützung (ideell) der Angebote durch Gemeinde bzw. Kommune
  • ´best practice´
  • offene Strukturen / Teams = planbares Ehrenamt
  • ehrliche Kooperationen mit Dienstleistern
  • Vielfalt + Vernetzung versus „alleiniger Spieler“ + Konkurrenzkampf

3. Wie gelingt Versorgungssicherheit mit Blick auf das „neue“ Ehrenamt?

  • Koordination, Begleitung, Schulung
  • Versorgungssicherheit: Ehrenamt nicht bei „Leib und Leben“
  • Verlässlichkeit und Bescheid geben, wenn es schwierig wird
  • Freiwilligkeit
  • Ehrenamtliche müssen nicht alles ertragen
  • Raum für Gestaltung
  • Ehrenamt ist effektiv in Gruppen und damit planbar!
  • Ehrenamt gibt etwas zurück, sonst Zwangsarbeit

Tisch 3

1. Wie kann eine Kommune, ein Verband… selbstständiges Wohnen + Wohnprojekte fördern? + initiieren?

  • Land/Grundstücke/Häuser zur Verfügung stellen
  • Wohnberatung für Wohnungsanpassung, aber auch für Architekten/Betreiber von Wohnprojekten
  • Fürsorge für alte Hausbesitzer
  • Kontakte herstellen zwischen Grundbesitzern, Architekten, Betreibern
  • Finanzierung - beraten und über sozialen Wohnungsbau fördern
  • an Gesetze halten, d.h. nicht zu viel Hürden aufbauen und abschrecken
  • Moderation von Beteiligten
  • Know How zu Verfügung stellen
  • Planungsprozesse begleiten
  • Qualitätssicherung (Demenz) - soviel Aufwand wie nötig, nicht mehr
  • ambulant vor stationär konsequent umsetzten
  • Anreize für Wohngemeinschaften schaffen
  • Verträge mit WG / Wahlfreiheit (Problem: leere Kassen SGB XII)

2. Welche Rolle spielt Quartiersentwicklung für bezahlbaren Wohnraum für Ältere mit Pflegebedarf? (sehr wichtig: Armut im Alter -> bezahlbarer Wohnraum)

  • bezahlbar, barrierearm, -frei als Standard durchführen
  • Multiple Häuser: Häuser in Dörfern, die viele Angebote in sich sammeln
  • Umbau von Leerstand und Nutzung für Wohnprojekte u. Nahversorger
  • selbst finanzierte Projekte, aber Unterstützung durch die Kommune
  • Vielfalt im Quartier, z.B. im Konvent vorgestellt
  • Attraktivität hält die Bevölkerung im Quartier und lockt Touristen an
  • lebendige Orte schaffen und erhalten, Bedeutung von Sozio-Kultur
  • "Platz machen" für Projekte

3. Wer – Wie Initiative ergreifen?

  • Innovation und Veränderung durch Akteure, wie z.B. Stiftungen, Bürgerinitiativen
  • WG ist eine Wohnform von Privilegierten
  • Durchsetzungsvermögen erforderlich
  • Umbruch Altersbild führt zu mehr gemeinschaftlichem Wohnen
  • Land kann Anreize setzen
  • z.Zt. sind Projekte abhängig von Personen – nicht regelhaft angeboten für alle
  • Phase der Projektentwicklung risikoreich, viele Projekte „verhungern“
  • Angebote machen, Gewohnheiten verändern
  • Menschen ohne Lobby
  • Deutsches Phänomen - mehr Hauseigentümer und Unflexibilität
  • Politik – Seniorenbeiräte könnten mithelfen bei Öffentlichkeitsarbeit
  • Unternehmen müssen sensibler werden

Fazit Tisch 3

  1. Wir brauchen Wohnformen für Otto-Normal-Verbraucher/innen, nicht nur für solvente Bildungsbürger/innen!
  2. Wir brauchen förderliche Rahmenbedingungen für Projekte, d.h. Unterstützung für Projektentwicklung, Businessplanung, Geschwindigkeit.
  3. Bild vom Alter und Wohnen zuhause muss sich ändern, Themen müssen selbstverständlich werden, z.B. in Politik, Kommunen, Unternehmen, Presse, Pflegekassen.
  4. Kommunen müssen steuern, beraten, Strategie haben, (Pflicht) partizipativ erstellt, Initiative stärken.
  5. WG´s im Quartier – Wahlfreiheit, „Multiple Häuser“ schaffen Aufwertung – Wohnungsunternehmen haben zentrale Rolle
    Kooperation aller Beteiligten + Bürgerschaftliches Engagement + Vernetzung
    Kommunikationsräume

World Café 2: Neue Wohn- und Pflegeformen – ein Thema für Nachbarschaftsinitiativen?!

Moderation: Andrea Beerli, FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V., Bundesvereinigung

Mit den Inputreferaten vom Vormittag aus Eichstetten, Külz, Arnstadt und Halle hatten die Teilnehmenden bereits Projekte kennengelernt, in denen das Wohnen in neuen Wohn- und Wohn-Pflegeformen sehr erfolgreich umgesetzt worden ist.

Die Moderatorin Andrea Beerli erläuterte kurz die unterschiedlichen Formen dieser Art des Wohnens älterer Menschen. Sie stellte den Teilnehmenden dar, dass insbesondere Nachbarschaftsinitiativen nicht nur eine gute Begleitung für die Menschen, die in einer neuen Wohnform leben, sein können. Häufig erstreckt sich ihr Engagement auch darauf, neue Wohn- und Pflegeformen ins Leben zu rufen.

Die Teilnehmenden im World Café 2 widmeten sich anschließend in drei Runden der Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften und den ehrenamtlich Engagierten in neuen Wohn- und Pflegeformen gelingen kann.

Die Teilnehmenden, die an drei Tischen mit jeweils vier bis sechs Personen saßen, hielten ihre Überlegungen auf den Papiertischdecken fest.


Fragerunde 1

Welche Aufgaben können Angehörige oder Ehrenamtliche übernehmen? Welche Aufgaben sollten Fachkräften vorbehalten bleiben?

Die von den Teilnehmenden als wesentlich erachteten Punkte sind nachfolgend zusammenfassend dokumentiert.

Den Fachkräften sollte vorbehalten bleiben

-       das Controlling
-       die Kundenzufriedenheit sicherzustellen
-       die Begleitung bei der Projektgründung
-       die Medikation und Behandlungspflege
-       die fachliche Beratung.

Aufgaben für Angehörige und Ehrenamtliche können sein:

-       Freizeitgestaltung
-       Begegnungsmöglichkeiten, Begleitdienste
-       Psycho-soziale Betreuung
-       Artikulation von Erwartungen der Bewohnerinnen und Bewohner
-       Treffen von Entscheidungen (als Angehörige)
-       Alltagshilfen (Wäsche, Einkauf, Mobilität)
-       Fachliche Beratung durch Ehrenamtliche (z.B. Rentenanträge).

Die Teilnehmenden betonten, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner immer im Mittelpunkt stehen sollten. Wichtig für solche Projekte sei auch, dass sie von vielen Unterstützern gemeinsam getragen werden. Auch das Wissen, dass ehrenamtliche Arbeit nicht umsonst zu haben ist, sollte bei der Strukturierung von Projekten immer präsent sein.


Fragerunde 2

Wie stimmen sich Fachkräfte und Ehrenamtliche in der täglichen Arbeit ab? Wer entscheidet was? Wie werden Konflikte zwischen Fachkräften und Ehrenamtlichen geregelt?

Die Teilnehmenden hoben hervor, dass die Fachkräfte die tägliche Arbeit strukturieren und den Ehrenamtlichen vorgeben sollten, was gewünscht wird. Wichtig war den Teilnehmenden, dass Entscheidungen durch die jeweilige fachlich kompetente Person zu treffen seien - und das sei nicht automatisch immer die hauptamtliche Fachkraft.

Eine Mediation bei Konflikten könne sowohl durch Ehrenamtliche als auch durch Fachkräfte erfolgen. Konflikte zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen sollten durch eine neutrale Stelle oder eine Koordinatorin geregelt werden. Vorbeugen könne man Konflikten, indem die Aufgaben z.B. durch eine koordinierende Person klar verteilt würden.


Fragerunde 3

Wie kann die Kommune die Zusammenarbeit von Fachkräften und Ehrenamtlichen unterstützen? Wie werden die ehrenamtlichen Strukturen finanziert?

Die Teilnehmenden entwickelten gemeinsam einen bunten Strauß an Möglichkeiten, wie die Kommune unterstützen kann.

Folgende Unterstützung durch die Kommune wurde als wichtig angesehen:

-       Runden Tisch ins Leben rufen
-       Räumlichkeiten zur Verfügung stellen
-       Anlaufstellen und Stadtteilbüros schaffen
-       Als Wunsch: Personalkosten finanzieren
-       Mit fachlicher Beratung helfen
-       über Versicherungsmöglichkeiten aufklären
-       Qualifizierungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche anbieten oder (mit)finanzieren
-       Als Multiplikatorin fungieren
-       das Ehrenamt würdigen

Für die Finanzierung der ehrenamtlichen Strukturen erarbeiteten die Teilnehmenden die nachfolgenden Ideen:

-       Stiftungen
-       Fördermittel, Modellprogramme
-       Kirche
-       Trägerschaften/Sozialverbände
-       Sponsoren
-       Wohnungsbaugesellschaften
-       Kranken- und Pflegekassen
-       Spenden
-       Entgelte für Hilfeleistungen
-       Persönliches Budget

 

Anschließend wurden die erarbeiteten Ergebnisse von den Teilnehmenden mit je zwei roten Klebepunkten priorisiert:


Weiterführende Informationen: Literatur- und Linkliste zu Neuen Wohn- und Wohn-Pflege-Formen, Quartierskonzepte des FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V. Bundesvereinigung


Schlussrunde und Feedback

Abschließend wurden die Ergebnisse aus den Austauschrunden in den World Cafés kurz im Plenum vorgestellt.

Nachdrückliches Fazit am Ende des Tages: Für das „neue“ Ehrenamt müssen die Spielregeln zwischen den Akteuren genau definiert werden und „Mit dem Ehrenamt allein kommen wir im Pflegebereich nicht aus.“

Die Rückmeldungen der Teilnehmenden zum Workshop waren vielfältig - ein Ausschnitt:

„Wir sind stolz auf unsere Wohngemeinschaft in Sachsen-Anhalt. Der Workshop hat uns nochmal Rückenstärkung gegeben.“

„Hier ist ein modernes Ehrenamts-Bild deutlich geworden.“

„Eigentlich wollte ich zuerst gar nicht kommen. Nun bin ich froh, doch hier zu sein, und bin sehr dankbar für konkrete Anregungen aus den Projekten.“

„Mein Wunsch ist, dass die Lust des Ministeriums auf Programme nicht ausgeht – dies ist auch wichtig für uns, um das Interesse der Kommune zu gewinnen.“

„Die institutionelle bzw. kontinuierliche Förderung von Generationenbüros würde – vor allem im Osten – sehr helfen, um auch die jungen Leute mehr abzuholen.“

„Der Austausch war gewinnbringend.“

„Ich habe heute Ideen, Motivation und gute Gespräche erlebt.“

“Ich nehme viele kleine und konkrete Ideen mit, z.B. die virtuelle Nachbarschaftsplattform aus Külz.“

„Es gab gute Möglichkeiten der Vernetzung.“

„Ehrenamt braucht Hauptamt!“